Jutta Motz im Interview
Die Befragung von Gisela Lehmer-Kerkloh
und Thomas Przybilka
Frage: Warum Krimis?
J. Motz: Beobachtungen des täglichen Lebens können
ganz wunderbar einfliessen. Frustrationen mit den üblichen, kleinen
und grossen Ungerechtigkeiten werden abgebaut. Der Krimi ist ein Mittel,
um zu erzählen, Ernstes, Lustiges, Tragisches und es ist so herrliche
erholsam, missliebige Menschen unter die Erde zu bringen.
Frage: Was bedeutet deutscher
Krimi für Sie?
J. Motz: Hansjörg Martin, Helga Riedel, damals,
als sie bei rororo rauskamen, das stand für Qualität. Nicht
zu vergessen, die Gründer des Syndikats. Das ist einfach ganz feines
Handwerk!
Frage: Wer ist überschätzt?
J. Motz: Krimis von Männern geschrieben.
Zitat Sara Paretsky am Bouchercon 2004 in Toronto: "Männer werden
sieben Mal so oft in Zeitungen besprochen, wie Frauen, die Krimis schreiben.
Ich bin bereit anzunehmen, dass Männer doppelt so gut schreiben,
wie Frauen, aber sieben Mal so gut?"
Frage: Wer ist unterschätzt?
J. Motz: Krimis von Frauen geschrieben. Was glaubt
ihr, warum ich bei den Sisters in Crime bin?
Frage: Krimi – eine Literaturgattung?
J. Motz: Ist die Bibel eine Literaturgattung?
Was für eine Quelle für Mord und Totschlag und üble Nachrede
und Steinigung und Betrug und Erbschleicherei. Wo werden Tatsachen, historische,
besser gefälscht?
Der Krimi besteht aus Worten und sollten diese wohlgesetzt sein und die
Story mehr als nur einen kurzlebigen, aktuellen Wert besitzen, warum sollte
ein sehr gut geschriebener Krimi nicht Literatur sein?
Eine eigene Gattung? Aber ja, denn sie hat ihre eigenen Regeln, eigene
Gesetze, denen der Author gehorchen muss oder die er spielerisch abwandeln
kann. Eine Leiche macht noch keinen Krimi!
Frage: Wie sind Sie zum Krimi
gekommen?
J. Motz: Bei dem, was ich im täglichen Berufleben
in den 90iger Jahren erlebt habe, hätte ich die Wahl entweder verrückt
zu werden oder einen Analyse anfangen können, wozu ich kein Geld
hatte. Also habe ich Krimis geschrieben, in denen Frauen mit den alltäglichen
Gemeinheiten im Wirtschaftsleben konfrontiert werden. Angefangen habe
ich als Frustschreiber, heute tue ich es aus Vergnügen.
Frage: Ihre Lieblingstatwaffe?
J. Motz: Der Verstand.
Frage: Mord – muss das sein?
J. Motz: White Collar Crime ist so dröge, da müssen
schon so ein paar Leichen zwischen den wirtschaftlich oft verzwickten
Zusammenhängen herumliegen.
Frage: Warum schreiben Sie?
J. Motz: Zum Vergnügen. Aus Lust am Fabulieren.
Schreibe immer zuviel und muss dann kürzen.
Frage: Bilden Sie in Ihren Kriminalromanen
die Gegenwart ab?
J. Motz: Ja. Eine Wirklichkeit, mit der ich nichts zu
tun haben möchte.
Frage: Wo würden Sie Ihr "Setting" wählen?
J. Motz: Überall, ausser auf einer einsamen Insel.
Ich bin ein Grossstadtmensch und zu viel Natur ist schädlich für
mich.
Frage: Welche Bedeutung hat für
Sie Essen und Trinken?
J. Motz: Es ist sehr wichtig, wenn Menschen im
Leben wie im Krimi zusammenkommen und zusammen sprechen möchten.
Ich hasse Fast-Food und Selbstbedienung. Wenn ich mich selbst bedienen
will, dann esse ich zu Hause besser und billiger.
Frage: Sex im Krimi?
J. Motz: Warum nicht?
Frage: Wenn ja, warum?
J. Motz: Wenn's der Geschichte oder dem Amüsement
der Leser dienlich ist.
Frage: Wenn nein, warum?
J. Motz: –
Frage: Gibt es einen "Frauenkrimi"?
J. Motz: Es gibt einen Frauenkrimi, ausgeprägter
im US Markt, aber auch bei uns im deutschsprachigen Bereich.
Frage: Für wen schreiben
Sie?
J. Motz: Für alle, die lesen können und Spass
am Lesen haben.
Frage: Plotentwicklung – Ihr
erster Gedanke?
J. Motz: Ein Verbrechen: ein Fall von Wirtschaftskriminalität,
der in den alltäglichen Ablauf von einigen ganz normalen, vernünftigen
Menschen eingebettet ist, die dem Leser im Verlauf des Romans dann viel
weniger normal und vernünftig vorkommen werden.
Frage: Machen Sie sich Notizen
und wo kommen Ihre Ideen her?
J. Motz: Lese viele internationale Zeitungen und da den
Wirtschaftsteil. Sammle Zeitungsausschnitte, so fange ich an.
Frage: Wo schreiben Sie?
J. Motz: Habe kleine Hefte in der Handtasche, schreibe
viel von Hand, unterwegs.
Frage: Hindert der PC Sie am Schreiben?
J. Motz: Man kann so wunderbar korrigieren, umstellen,
kürzen, Neues einfügen.
Frage: Ihr Lieblingsbuch als Kind?
J. Motz: Erich Kästner, Emil und die Detektive
Frage: Ihr Lieblingsbuch heute?
J. Motz: Wechselt stark. Jede Saison ein anderer Krimi.
Frage: Ihre Lieblings-Krimiautorin
/ Ihr Lieblings-Krimiautor?
J. Motz: Sjöwall und Wahlöö
Frage: Ihr Lieblingsfilm?
J. Motz: Hitchcocks
Frage: Ihr Lieblingsgetränk?
J. Motz: Pfefferminztee – auch wenn ihrs
nicht glaubt
Frage: Kochen Sie?
J. Motz: Selten, aber leidenschaftlich gerne.
Frage: Gehen Sie essen, und wenn
ja, wo?
J. Motz: Gehe gerne und viel essen, da, wo ich Freunde
treffen kann.
Frage: Was ist Ihr Lieblingskleidungsstück?
J. Motz: Kommt auf die Temperatur an.
Frage: Fußball – ist
das ein Thema für Sie?
J. Motz: Nur, wenn ich selbst spielen darf.
Frage: Männer – ist
das wichtig für Sie?
J. Motz: Natürlich, aber nicht als Problem, sondern
zum Vergnügen.
Frage: Ihre Lieblingsstadt in
Deutschland?
J. Motz: Berlin
Frage: Ihr Lieblingsland?
J. Motz: England, aber eigentlich da nur London. Es gibt
keine Stadt mit mehr Theatern, deshalb.
Frage: Was lieben Sie?
J. Motz: Meine Tochter!
Frage: Was verabscheuen Sie?
J. Motz: Dummheit.
Frage: Beste Schulnote – worin?
J. Motz: Mathematik.
Frage: Schlechteste Schulnote – worin & warum?
J. Motz: Immer Latein. Keine Vokabeln gelernt.
Frage: Ihr Traumberuf?
J. Motz: Schreiben, schreiben, schreiben.
Frage: Haben Sie eine Ahnung,
warum Sie diesen Fragebogen beantwortet haben?
J. Motz: Na, um euch einen Gefallen zu tun, denke ich
mal, und weil mich Thomas so lieb in Amsterdam darum gebeten hat.
Quelle: www.alligatorpapiere.de/befragung.index.html
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